Umweltethik
Die Wissenschaft führt zurück zur Natur
Fridolin Stähli & Fritz Gassmann
Wurzeln der neuen Umweltethik
Natur ist kein analytischer Begriff. Eine Annäherung führt über das Wort ´Naturª und bleibt immer zeit- und menschenabhänig. Vom lateinischen Wort nasci stammend, bedeutet natura wörtlich ´geboren werden, wachsen, entstehenª, im Griechischen bedeutet das Wort gignomai (´generierenª) etwa dasselbe. Natur ist also das, was nicht von Menschenhand gemacht, sondern von selbst entstanden ist, sich entwickelt und verändert hat, also Meere, Vulkane, Flüsse, Steine, Pflanzen, Tiere, Ökosysteme und Landschaften. Natur hat dann immer auch etwas Unberechenbares, Wildes, im Gegensatz zur Kulturlandschaft, die vom Menschen mit Werkzeugen und Arbeit unter Kontrolle gebracht wird. Der Mensch als werkzeugschaffendes Wesen hat so der Natur gegenüber sehr früh eine Sonderstellung eingenommen. Die Natur wurde als Objekt wahrgenommen, das bezwungen und beherrscht werden kann.
Der Umgang mit der Natur war langezeit nicht Gegenstand der moralischen Reflexion; die Natur schien in ihrer Grandiosität und Mächtigkeit unverletzlich zu sein. Deutlich sichtbar werdende Umweltschäden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schreckten dann aber Millionen von Menschen in der westlichen Industriewelt auf. Und als sich Ende der 60er Jahre die ökologischen Probleme weltweit abzuzeichnen begannen, schien eine Denk-Wende in Sicht. Mögliche globale Veränderungen und die Bedürfnisse zukünftiger Generationen kamen in den Blickwinkel.
Die neue Wissenschaft komplexer Systeme
In dieselbe Epoche fielen auch neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die das naturwissenschaftliche Weltbild tiefgreifend veränderten. Ein ´Weltbildª ist eine bewusst oder auch unbewusst vorhandene Vorstellung eines jeden Menschen über grundsätzliche Eigenschaften seiner Umgebung, also über den Kosmos, die unbelebte und die belebte Natur, seine Mitmenschen miteingeschlossen. Es ist ein Raster, durch das hindurch die Umgebung betrachtet und interpretiert wird. Was nicht zu diesem Raster passt wird nicht gesehen oder zumindest nicht verstanden und als unwesentlich oder höchstens störend empfunden. Weltbilder zeigen deshalb eine hohe Stabilität, wesentliche Veränderungen ergeben sich nur auf äusseren Druck hin und spielen sich langsam über Generationen hinweg ab. Solche weltbildverändernden Einflüsse können durch Naturereignisse, die Kirche, die Politik, die Literatur oder eben die Wissenschaften ausgeübt werden.
Die linear-kausale Sichtweise der traditionellen Physik, die jedem Phänomen eine eindeutige Ursache zuzuschreiben versuchte, wurde in den 70er Jahren durch einen zirkulären Denkansatz abgelöst. Nichtlineare und rückgekoppelte Systeme ergaben als Modelle für biologische Entwicklungsvorgänge ein neuartiges Verständnis der Natur. Erstmals konnte so die Entstehung komplexer lebendiger Strukturen ansatzweise als Selbstorganisation der Materie aufgefasst werden und deren Vielfalt liess sich durch die inhärente Kreativität des Chaos erklären. Das neue Systemverständnis öffnete aber auch die Augen für grösserräumige Wechselwirkungen und kulminierte in der Vorstellung, dass unser ganzer Planet als zusammenhängender Organismus aufzufassen sei. Diese ´Gaia-Hypotheseª gewinnt durch die Vielzahl der im Rahmen der Klimaforschung aufgedeckten weltweiten Kopplungen zwischen der Atmosphäre, den Ozeanen und Wäldern immer stärker an Überzeugungskraft und führt zur überraschenden Einsicht, dass selbst das langezeit als statisch und unveränderbar geltende globale Klima unvorhersehbar in andere Zustände umkippen könnte.
Beiträge der Naturwissenschaften zur Gestaltung einer neuen Umweltethik
Die Erkenntnisse, dass wir am Ende einer langen Koevolution stehen und aus demselben Prozess entstanden sind wie alle unsere Mitgeschöpfe, seien dies nun Pflanzen, Bakterien, Tiere oder sogar die Gebirge, Meere und Landschaften, musste sowohl das naturwissenschaftliche wie auch das philosophische Weltbild grundlegend verändern. Die Einsicht, dass alles mit allem zusammenhängt und auch unser innerstes Wesen zutiefst mit unserer Mitwelt verbunden ist, was vielleicht am treffendsten mit dem universellen genetischen Code illustriert wird, heisst nichts weniger, als dass wir ureigenstes Produkt dieses einzigen Planeten sind, auf dem wir heimisch sein können und sollen. Wir wurden nicht von irgendwoher auf diesen fertigen Planeten gesetzt, um ihn zu erobern, sondern sind im Rahmen einer Koevolution zusammen mit ihm und unseren Mitgeschöpfen hier entstanden. Diese Vorstellung deckt sich vollständig mit den Grundzügen der neuen Komplexitätswissenschaft, in deren Rahmen die zirkulär-kausalen und nichtlinearen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Systemkomponenten sowohl zu unvorhersehbaren und chaotischen, kreativen Zuständen wie auch zu verschiedenen stabilen Strukturen führen können. Auf der philosophischen Ebene sind wir dadurch gefordert, uns als Teil der Natur und nicht als Wesen ausserhalb zu betrachten und etwas bescheidener zu werden um einzusehen, dass unsere Mitwelt nicht einfach für uns da ist, sondern uns vielmehr toleriert, im übrigen aber gerade so gut ohne uns auskäme. Die Umkehrung dieses Sachverhaltes, nämlich dass auch wir ohne unsere Mitwelt leben könnten, gilt jedoch nicht im Entferntesten. Es ist eher so, dass jeder Schaden, den wir unserer Mitwelt zuführen, über kurz oder lang auf uns in der Form von Umweltproblemen oder Altlasten zurückwirkt. Diese Einsicht hat wesentliche Konsequenzen auf unser aller Verhalten als Bürger, auf die Art und Weise, wie wir den Fortgang des naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozesses gestalten wollen, auf die Art unseres Wirtschaftens und auf die Art unseres Umganges mit der Natur.
Weltweit sind kleinere und grössere Landschaften durch gigantische Staudammmbauten in ihrem ökologischen Gleichgewicht gefährdet oder gar zerstört worden . Wir wollen hier nur auf die aktuellen Grossprojekte in China (Drei-Schluchten-Projekt), Malaysia (Bakun-Staudammprojekt), Indien (Narmada-Flussgebiet) und in der Türkei (Ilisu-Staudammprojekt) verweisen, bei denen auch namhafte Schweizer Firmen, unterstützt durch eine Exportrisikogarantie des Bundes, beteiligt sind. Bei allen erwähnten Projekten, die zum Teil schon im Bau sind, geht es neben politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Problemen auch um soziale: Millionen von Menschen verlieren ihre Heimat und ihre Wurzeln und müssen umgesiedelt werden, weil ihre Städte und Dörfer geflutet werden. Die Argumente der Regierungen aus Peking, Kuala Lumpur, Neu-Delhi und Ankara ähneln sich, indem sie alle eine deutliche Verbesserung des Wohlstandes in den ärmeren Gebieten des Landes versprechen. So stellen sie Arbeitsplätze während der Bauzeit und später in der Ansiedlung von Industrie in Aussicht, rühmen die Modernisierung und Ertragssteigerung in der Landwirtschaft, die durch ganzjährige Bewässerung hervorgerufen werden soll, versprechen bessere Stromversorgung, mehr Trinkwasser und weniger Überschwemmungen etc. Die möglichen Folgen dieser enormen Eingriffe in die Natur wie ökologische Schäden (Dürre, Versalzung, Verlandung), soziale Probleme (Entwurzelung, Armut, Krankheit), kulturelle Verluste (in der Türkei wird die einzige anatolische Stadt aus dem Mittelalter, Hasankeyf, unter Wasser gesetzt) oder wirtschaftliche Ungerechtigkeiten (Geld fliesst in die Taschen internationaler Unternehmungen, korrupter Beamter und Politiker) werden verschwiegen. Die Projekte werden gebaut wider besseres Wissen, denn die Grossprojekte in Indien nach 1947 und der Assuan Hochdamm in Ägypten (Baubeginn in den 60er Jahren) haben die Folgeschäden solcher Projekte zum Teil deutlich vor Augen geführt.
Schlussbetrachtung
Wir haben in unserem Buch darzulegen versucht, warum eine Revision der traditionellen Auffassung der Ethik und der Naturwissenschaften notwendig erscheint. Die Verschiebung von einem anthropozentrischen zu einem physiozentrischen Standpunkt ist ein Gebot der Stunde und lässt sich aus der Praxis begründen. Die enorme Erweiterung der technischen Möglichkeiten, die wir im 21. Jahrhundert zu erwarten haben, erfordert eine intensive Diskussion ethischer Grundlagen, die in der Gesellschaft breit abgestützt sein müssen, damit auf die Umsetzung der neuen Errungenschaften Einfluss genommen werden kann. Das Erscheinen heute unvorstellbarer Neuerungen durch Forschungen und Erfindungen lässt sich nicht verhindern oder verbieten, deren Anwendung jedoch steuern.
Im 17. Jahrhundert beginnen sich Geistes- und Naturwissenschaften zu trennen, was sich in der Gründung der bedeutenden naturwissenschaftlichen Akademien manifestiert. Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, also nur rund hundert Jahre später, zeichnet sich hingegen eine breite Hinwendung des Menschen zur Natur in der Malerei, Literatur und Philosophie ab: Rousseaus Aufruf zur Rückkehr zur Natur; Goethes intensive Beschäftigung mit den vielfältigsten naturwissenschaftlichen Disziplinen; Hölderlins Klage über die verlorene Natur; die Sehnsucht der schreibenden und malenden Romantiker nach der Natur oder Kellers Kritik am Verschwinden der Natur aus Geldgier. Während im 18. Jahrhundert diese Hinwendung zur Natur aus Begeisterung und Neugierde geschieht, spüren wir bei den später Geborenen Wehmut, Klage und Kritik.
Heute steht die Sorge um eine gesunde und intakte Mitwelt im Vordergrund. Denn in den vergangenen hundertfünfzig Jahren ist das Ausmass an weltweiten Beschädigungen schier ins Unermessliche gestiegen; die Natur ist vielerorts enträtselt, entwürdigt und entheiligt worden. Neuste Erkenntnisse und die Vernunft zwingen die Wissenschaften zur Natur zurückzufinden. Dazu braucht es auch das erneute Zusammengehen von Geistes- und Naturwissenschaften. Sowohl die griechischen Naturphilosophen als auch noch Goethe haben immer das Ganze im Blick gehabt und ihre Einsichten aus tiefer Erfahrung gewonnen.
Wir haben von Ehrfurcht, Respekt und Rücksichtnahme gegenüber der Natur gesprochen, wir haben der Natur moralischen Eigenwert zuerkannt und davor gewarnt, vermeintlich alles in den Griff zu bekommen. Wir haben für einen von Prinzipien geleiteten physiozentrischen Standpunkt plädiert, weil eine weiterhin egoistische, ausbeuterische Haltung gegenüber der Natur diese selbst und unsere Lebensgrundlage zerstört.
Der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer-Abich hat es prägnant formuliert: ´Dem menschlichen Leben angemessen ist ein liebender Umgang mit Anderen und Anderem in der Gemeinschaft mit der Natur, der jeweils auf ein Ganzes sowie damit auf das Ganze der Natur bezogen ist.ª (Meyer-Abich 1997) Etwas verkürzt gesagt heisst das: Frieden unter den Menschen und Frieden mit der Natur. Das gelingt nur jenen Menschen, die voraus denken, voraus hoffen und voraus träumen. Und wer nicht mehr träumt, stirbt.
Die Chaos- und Selbstorganisationsforschung sowie die Idee des radikalen Physiozentrismus in der Ausprägung des Holismus berücksichtigen immer das Ganze und haben auch eine tiefere Verwandtschaft. Die neusten Erkenntnisse der physikalischen Forschungen, kombiniert mit den Einsichten der Umweltethik, stellen ein breites Orientierungswissen zur Verfügung. Beide Disziplinen können auch als Warnsysteme verstanden werden, die die Grenzen des Menschen aufzeigen und zu einem vorsichtigeren und rücksichtsvolleren Umgang mit der Natur aufrufen: Vor- und Fürsorglichkeit ist geboten, Voraussicht und Verständnis für die beschränkte Voraussagbarkeit, so dass die Ethik im Dialog mit den Naturwissenschaften Wegweiserfunktion übernehmen kann. Als Symbol dient uns dafür das an unsrerer Schule aufgestellte und in diesem Buch ausführlich beschriebene Lorenz-Wasserrad.